Gestern und Vorgestern

 

Spaziergang

Lieber Herr Jesus, du bist mein Gast, auch wenn ich dich nicht eingeladen habe, aber mir bist du jederzeit herzlich willkommen, denn du bist gut und nicht böse. Schau dir die Hänge an, es taut, alles taut, das Wasser stürzt sich kopfüber die Hänge und Zweige hinab, tötet vielleicht dabei aus Versehen ein kleines Insekt, das sich im Strudel nicht halten kann und in den Gulli mitgerissen wird. Wie wir wissen ist das Wasser eine große Gefahr für das Leben, wenn es in Bewegung ist und nicht in Plastikflaschen verschlossen der Verköstigung harrt. Das Pfand, das auf diese Flaschen mittlerweile entfällt ist also durchaus gerechtfertigt, denn es ist das Geld, das wir dafür bezahlen, dass das Wasser in der Flasche ist, und nicht draußen. Ist das Wasser heraus aus der Flasche, bekommen wir das Geld wieder zurückerstattet, denn nun hat die Flasche ja ihren Sinn verloren und wir wollen sie auch nicht mehr haben. Das Pfandsystem Deutschlands ist das schönste und herrlichste in der ganzen Welt, ein Planet, der sich kein Pfandsystem leistet, ist nicht wert, weiter um irgendeinen Stern zu tanzen. Auch Verpackung für die Energie die die Sterne uns leihen, sollte mit Pfand bedacht werden, es kommt ja nicht umsonst alles durch den leeren Raum zu uns geflogen in dreidimensionaler Wellenform, wie gut, dass man mindestens drei Finger an der Hand hat, sonst könnte man sich die Richtungen nicht vergegenwärtigen, in die die Säfte und Kräfte wirken müssen. Die Ordnung des Weltalls hat sehr viel mit der Ordnung im Supermarkt zu tun, es ist immer auch die Frage, von wo man schaut, wenn man sagt: links herum, denn von oben ist es andersherum als von unten angeschaut, sagt man aber: beim Toast beginnen und bei den Erbsen enden, dann ist die Zirkelrichtung klar, und so kann man auch eine Route bestimmen durch den hohlen Raum, wenn man Planetennamen nennt, man könnte auch Preisschildchen drankleben, dann wäre es vielleicht noch etwas klarer, was gemeint ist. Die Blechbüchsen, in denen wir uns im Raume bewegen entsprechen den Einkaufswagen und haben wie diese zumeist einen eingepflanzten und nicht wieder entwurzelbaren Drall, der oft zu Kollision und damit Kommunikation mit anderen Lebewesen im Supermarkt oder im Weltall führt, man kann sogar behaupten: ohne Drall gäbe es nie Kommunikation, alle flögen gerade auf ihrer Bahn, und sollte es krachen, würde man sich nicht einmal nach der Ursache des Krachs umschauen, denn kein Drall würde einem befehlen, den Kopf zu neigen oder irgendetwas anderes wahrzunehmen als das eigene Spiegelbild. Warum bleibst du stehen, lieber Herr Jesus,lieb Jesulein, ich langweile dich doch nicht? Doch? Na dann. Bis bald! Komm gut nach Hause.


Verkehrstheologie

Rasterfahndung ist ja überhaupt das Wichtigste. Man sollte schon wissen, nach was man schaut, wenn man etwas sucht. Ein Suchender, der nicht eine sehr genaue Vorstellung von dem hat, was er finden will, wird immer ein Verlierer sein. Auch ein Wahrnehmender muss wissen, was er wahrnehmen will, damit alles ins Raster passt. Das Heimkino kann man sich ja selbst zusammenstellen. Die Ampel ist rot? Gut, die Ampel ist rot! Sag mir keiner, dass das ein Naturgesetz ist. Aus roten Ampeln werden grüne Ampeln, das ist der Beweis. Und um den Beweis noch schöner zu machen, kriegen wir gratis eine Zwischenstufe dazugeschenkt, und zwar nicht irgendeine, sondern eine ganz besonders schöne, nämlich: Gelb. So etwas muss man sich auch erst einmal einfallen lassen. Wahrscheinlich hat da jemand den Kopf in den Nacken gelegt und die gelbe Sonnenscheibe gesehen und da hat es gemacht: Peng! und dann war das Gelb als tertium datur da um die absolut zwingende Verkehrslogik zu brechen, die da heißt: rot oder grün, rechts oder links, vorwärts oder rückwärts. Man muss das nur auf die Autobahn übertragen und hat schon eine dreispurige Autobahn. Oder auf das Blinkzeichen: es blinkt auch, wenn man nach vorne fährt, allerdings blinkt das Licht dann in Fahrtrichtung, und saust so, da es schneller ist als jedes Auto, dem Fahrzeug blinkend voran, grüßt alle schon im Voraus und vermeldet: hallo! Hier kommt ein Auto. Wenn man also von einem schreienden Licht geblendet wird, heißt es: aufgepasst! denn gleich kommt ein Auto hinterher. Dass die Ampel drei Farbtöne hat und nicht nur zwei liegt natürlich an der Befreiungstheologie. Die Grundsubstanz der Befreiungstheologie ist die Dreifaltigkeit. Ohne Dreifaltigkeit gäbe es weder Auferstehung, noch Sünde, noch Weihwasser. Die Dreifaltigkeit, das lehrt schon die Lorentz-Kraft, ist die Grundvoraussetzung zum befreiten Denken. Deshalb können Computer auch niemals frei denken, denn sie haben nur die 1 und die 0, wenn auch in atemberaubend schnellem Tempo. Aber das schönste Tempo hilft ja nicht, wenn einem die 2 fehlt, lacht man sich ins Fäustchen und schlägt auf die Computertastatur, nicht wahr alter Kumpel, du mit deinen lächerlich binären Warzen auf dem Hardware-Grind. Du wirst nie erkennen, wie schön es ist, über eine gelbe Ampel zu fahren, ewig diesen Moment auszukosten, die Luft zu schmecken, die dir gegen die zusammengebissenen Zähne schlägt, wenn du noch und noch mehr beschleunigst, dieser Augenblick wird dir bleiben für immer, er wird deine Träume füllen, heute Nacht, morgen Nacht, jede Nacht, GELB, GELB, GELB! Drei ewige Sekunden, wirbelnde Sonnenscheiben, und das GEfühl: JA! Ich KANN ES SCHAFFEN! ICH WERDE ES SCHAFFEN!! ICH BIN GOTT!!! (Nach GEsualdo).


Drei Selbstgespräche mit Gott

1  -  Auf dem Markt

Zusammengefegtes, gehacktes Möhrenklein, Kleinmöhrenklein, Entenklein, ein Mann stapft mit dem Fuß, ab nach Haus ins Eigenheim, was hab ich hier verloren, drecksverluderter Marktplatz, Taubenkotschrottplatz, Torhüter, Ladentöter, alle Schuld am Münsterturm auf sich geladen, Bratwurststände, Lamm Gottes, Sünden, Rippchen, Crêpes und Psalter, Hosianna in der Schuldenfalle, wer soll das Haus abzahlen? Stapf, stapf, ich bin wütend, jeder Stein kriegt die Wut einzeln ins Gesicht getreten, 100 Kilo Lebendgewicht, 2 Zentnersäcke, tot, Säcke, tot, Blumengesteck daneben, Haare wie Grün hinter den Ohren, bauscht, bäumt, Schreckgesteck, wird immer größer in ihren Augen, bis sie platzen, platzen und übergehen vor Freude, wie das Herz das überquillt, übervoll ist mit Freude und Tannenzweig und Schaum, denn Schaum ist es überall um uns herum, kleine Weltbläschen, gefüllt mit atembarer Luft, aufgeschäumter Kosmos, verzehrbereit, eher breit als flach, alles in den falschen Hals bekommen, benommen, heute hat keiner mehr Benimm, die Kinder sind aus dem Haus bevor die Maus auf dem Tisch noch die Reste vom Frühstück in Grund und Boden getanzt hat, verwanzt, verranzt, Glanz und Gloria in einem Atemzug, die Oberleitungen alle gekappt, sitzt man da auf gepackten Koffern am Bahnhof und schaut dumm aus der Wäsche, wenn der letzte Zug nicht mehr fährt, dann ist es kalt und man hat genug Grund zu fluchen, vom Konto bereits abgebucht, das ist ja noch die größere Frechheit, wo kann man sich beschweren, wenn man möchte? Immer dieses Scheißgeld, immer geht es um Geld wenn man schlecht gelaunt ist, und immer macht Geld es wieder gut, man sagt es geht um die Seele und die Freude, dabei geht es immer nur um Geld wenn die Seele und die Freude fehlen, man sollte das Geld verbieten, damit die Menschen wieder den Schaum um sich herum wahrnehmen und zu essen beginnen, denn es gibt eine Speise, die ist ganz und gar kostenlos und nährt und schmeckt auch noch dazu, man braucht nur dran zu glauben, schade, dass keiner die Kraft hat, daran zu glauben, wäre der Glaube der Menschen stark genug bräuchten sie die Kraft Gottes nicht mehr und auch keine Energiekraftwerke, alles was man braucht ist eine Sonne, ein paar Millionen Kilometer entfernt und entsprechend viel Glauben an den Nutzen der Sonnenergie, besser noch als der Glaube ist allerdings eine direkte Leitung zum edlen, goldnen Gestirn, welches uns verheißt alle Herrlichkeit und das ewige Leben auf Erden, solange sie selbst nicht den Löffel abgibt, mit dem sie den Magma-Erdbrei von Zeit zu Zeit umzurühren gewohnt ist, wenn sie es nicht vergisst, so eine Hausfrau hat ja immer mehrere Töpfe gleichzeitig am Kochen, Merkur, Venus, Erde, Mars, ein jedes Töpflein will bekocht und gerührt werden, damit der Deckel nicht wütend zu hüpfen beginnt und der Planet explodiert, das wäre doch schade, und so klatschen wir in die Hände, schauen in den blauen Himmel oder richten den Blick hinter uns auf die andere Seite der Erde, wenn es bei uns dunkel ist, aber so richtig dunkel wird es ja nie, es gibt ja immer noch Taschenlampen, mit denen man heimlich nachschauen kann, ob die Dinge ihre Farben auch bei Nacht behalten, was sie tatsächlich tun, sie leuchten uns freundlich an, die Dinge, in blau und rot und grün, sie sagen: hallo! wir haben die Farbe nicht verloren, im Gegenteil, alle Farbigkeit, ist noch in uns, das Versprechen des Lichts, gespeicherte Energie, rot weniger, blau mehr, schau, wie es leuchtet und strahlt selbst im kleinsten Lichtstrahl, selbst im winzigsten Schimmer der Kerze, im letzten Blick mit brechendem Auge erhaschen wir ein paar Lichtquäntchen, die uns die liebe Sonne vorgestern Mittag um viertel nach eins geschickt hat, mit einem schönen Gruß, wie immer. Auch bei Nacht lässt sich so der Sonnenkontakt herstellen, man muss nur ein bisschen an sich herunterschauen, wenn man gerade im Badezimmer steht, z.B., dann sieht man irgendeinen Farbfleck, vielleicht einen blauen vom Sturz, oder einen roten vom Stich, oder einen schwarzen von der Gartenarbeit, und wo Farbe ist, da kann Sonne nicht weit weg gewesen sein, es ist ja ein fataler Irrtum, dass es künstliches Licht gibt, Licht ist immer und per definitionem etwas sehr Natürliches, das Natürlichste überhaupt, eigentlich besteht die Natur aus nichts als Licht, und Licht aus nichts als Natur, und alle Lampen, Birnen und Röhren, die man so im Baumarkt kaufen kann vermehren den Eindruck, es handele sich hier um Erzeugnisse, mit denen man der Sonne eine - wenn auch lächerliche - Konkurrenz zu machen versucht, oder versucht, sich von ihr frei zu machen, wir fragen aber, woher kommt der Strom, der das Licht macht, das den Lampen entströmt? Ob wir jetzt Kohle, oder Atom oder Wind oder was auch immer sagen, die Antwort heißt: Sonnenenergie. So wie die Antwort auf überhaupt fast alle Fragen lautet: Sonnenergie, es sei denn, die Frage ist mit Ja oder Nein besser beantwortet. Auch die Beatmung des Menschen im Krankenhaus, wenn die Lunge es alleine nicht mehr macht, erfolgt mit Strom und also mit Sonnenenergie, denn ohne Sonne geht auch dem Treibhaus Erde die Puste aus, ja, unsere Sonne ist nicht nur eine sehr eifrige Köchin sondern auch ein sehr sehr fleißiger Gärtner und ein ganz unglaublich versponnener Alchimist, der allerlei Knallerei im Weltall schon provoziert hat, und damit sicherlich auch einige Edelmetalle und Kometen. Der Alkohol ist ein im Universum ja auch recht verbreitetes Getränk, neben dem einfachen Wasser, so mancher Himmelskörper, der an uns in irrsinniger Geschwindigkeit vorbeitorkelt, besteht aus gefrorenem Alkohol, oder Wasser, oder manchmal auch aus Stein, das so etwa sind die gekühlten Zutaten der Welt, wo Wärme ist, gibt es natürlich auch noch interessantere Stoffe, Kohlenstoffchemie, Weltreiche, ohne den Kohlenstoff könnte der Mensch einpacken, fragt sich nur was, vielleicht ein Stückchen Blattgold, das die Taube dem Wetterhahn aus den Augen gekratzt hat vor dem Bekoten, und das ihr beim Scharren um den Wurstzipfel von der Kralle gefallen ist und nun am Stein klebt, auf den ich wütend meinen Fuß schmettere.
 
2  -  Irrlichter
Häkelbein, schwing dich ein, sing dich ein, ha! den Fuß gepackt und hinuntergezerrt in dem Schlamm, da kommst du nicht mehr heraus, nicht mehr lebend jedenfalls, lebend kannst du grad noch einen Gruß an deine Mutter dir aufsagen, ein kleines Dankgebet, dass sie dich so schön geboren und erzogen hat, auch wenn das Ganze jetzt ein wenig unnütz war, da du ja nun vor ihr gehst, und sie also niemanden mehr hat, der sie am Grab beweint, dafür kann aber sie jetzt als schöne Moorblüte im Schlamm stehen und dem gefallenen Engel ein paar salzigreine Tränen schenken, dem einzigen Sohn hinterherschauen, hinabschauen in den schwarzen Grund in den er eingeht, aus dem schwarzen Grund aus dem er kam, Irrlichter werden glühenden Schmetterlingen gleich bei seinem Begräbnis, das zugleich sein Tod ist, tanzen, sie tun es gerne, duftig und hauchzart umspinnen sie einander in der Senke der Nacht, treiben und lassen sich treiben, irren und wirren und wollen gar nicht wissen, wohin, denn das Irrlicht hat nur den Lebenssinn, in die Irre zu führen, wo diese Irre ist, in die es führt, das braucht es selbst gar nicht zu wissen, das Irrlicht ist darin allen anderen Insekten gleich, nur dass wir für gewöhnlich nicht so blöd sind, einem Insekt hinterher zu wollen, wie oft hätte man da schon den Kopf gegen die Scheibe schlagen müssen, das Irrlicht ist das einzige Insekt dem wir gerne und bereitwillig, ja man möchte sagen: trunken folgen wollen, da aber weder das Irrlicht noch man selbst den Weg kennt ist es zielecht der Weg in die Irre, den man einschlägt, folgt man dem Licht. Dass das Irrlicht mit einem Licht ausgestattet ist, macht es für Moorgebiete und stadtferne Wälder und Gebirgsklüfte geradezu ideal geeignet, es hat sich seiner Lebensumwelt sehr gut angepasst. Stadtirrlichter sind selbstverständlich viel greller als Feld-, Wald- und Wiesenirrlichter, da sie einer erheblich helleren Konkurrenz ausgesetzt sind und man sie inmitten des Leuchtreklamen-/Schaufenster-/Weihnachtsdekorations-/Autolicht- und Ampelwirrwarrs kaum wahrnehmen könnte, würden sie ihre optischen Signale nicht derart energetisch verdichten, dass sie zugleich einen nicht unerheblichen Lärm veranstalten würden, der einen aufblicken, ja aufhorchen, und ihnen sogleich willenlos folgen lässt, moderne Alltagssirenen, optisch und akustisch, die einen locken, weil wir die Ohren wieder einmal nicht mit Wachs verschlossen haben und auch die Fesseln zuhause am Frühstückstisch vergessen haben, so laufen wir dem ewigen Tatütata hinterher, gehetzt von der Angst, es könne der eigene Unfall sein zu dem der Wagen fährt, es könne das eigene Verbrechen sein dem dort hinterhergejagt wird, könne der eigene Herd sein der dort brennt, weil man vergessen hat ihn auszuschalten, bevor man die Tür schloss, man schloss sie doch? hat man sie nicht noch einmal geöffnet und nachgeschaut, und gesehen, dass der Herd aus war, und hat man nicht, nachdem man gesehen hatte, dass der Herd aus war, die Tür wieder abgeschlossen und sich wieder gefragt, ob man auch wirklich gesehen habe, dass der Herd aus gewesen sei und sich nicht vielmehr nur eingebildet habe, man habe gesehen, dass der Herd aus gewesen sei, während man in Wirklichkeit etwas ganz anderes getan hat, in der Zeit, in der man hätte sehen sollen, dass der Herd aus war, dass man nämlich während die Augen tatsächlich völlig leer auf den Herd gerichtet waren und also NICHT sahen, ob der Herd aus oder an geblieben war, dass man sich in diesem Augenblick, diesem tatsächlich leeren Augenblick, so intensiv selbst befragte, ob man tatsächlich schon zweimal nachgeschaut und gesehen habe, dass der Herd aus gewesen sei und ob man wirklich schon zweimal die Tür abgeschlossen habe, wirklich abgeschlossen, dass man also sich so intensiv und grüblerisch diese Fragen stellte, dass man gar nicht mitbekam, wie man vollkommen anschauungs- und also wahrnehmungslos auf den Herd starrte, wieder hinausging und erst wieder vor der geschlossenen Tür zu Bewusstsein kam, mit der aufkommenden Frage nach der Modalität des Zuseins der Tür: abgeschlossen oder unabgeschlossen, und dann noch der Frage nach dem Herd? Manchmal brauchts eine Angst, dass man sich bewegt, ob hin oder her, oder in die Irre, oder aus der Irre heraus, manchmal rennt man dem Blaulicht hinterher, manchmal läuft man panisch davor weg. Das Irrlicht hat die schöne Angewohnheit, dass es uns immer schön, gut und freundlich erscheint, ganz anders also als alle anderen Insekten, Hummeln vielleicht ausgenommen. Der Witz am Irrlicht ist ja, dass es, sobald es einen in die Irre geführt hat, einfach verpufft, sich in Luft auflöst, verschwindet, man meint, man müsse dann noch so ein leichtes Kichern hören, kurz bevor es ganz blitzschnell einfach fort ist, aber das ist nur eine akustische Einbildung, der die meisten erliegen, die mit einem plötzlichen Verlust nicht umzugehen wissen, meistens, wird ja gemutmaßt, müsse Boshaftigkeit im Spiel sein, anders sei diese Unverschämtheit, einen so außerordentlich wertvollen Menschen wie einen selbst ohne Not und Sinn im Stich zu lassen, gar und überhaupt nicht zu erklären, aber Irrlichter sind tatsächlich nie boshaft und haben es daher auch nicht nötig, ihr Opfer zu verhöhnen. Wenn überhaupt, so hinterlassen die Irrlichter ein leichtes, feines Wippgefühl im Gehörgang, so wie der Wellenschlag sommerlicher Schmetterlinge sich anfühlt, wähnt man sich als Staubkorn auf ihren Schwingen. Das schlägt dann aber meist um in eine recht heftige Übelkeit, die angesichts der oft recht unschicklichen Lage, in der man sich befindet wenn man in der Irre angekommen ist, auch durchaus angebracht ist.

3  -  Zuvieles und Eines
Marshmallow-Gesichter, aufgedunsene, weiche, weiße Gesichter, schwarze Stecknadelköpfe als Augen, aufgeklebte Nasen, falsche Haare und was aus den Mündern fällt ist kubisch, eingekästelte Sätze, alles schwirrt durch den Raum, dahinten, ich kann ihn ganz genau sehen, am andern Ende des Speisesaals, am andern Ende der Tafel, sitzt ein lieber guter Großpapa und schlürft seinen Wein zum Mittagessen, viele Kästchen fliegen durch den Raum, Sprachwitze von Kindern und Müttern, Besteckgeklapper, Tellerklirren, ab und zu ein zerbrochenes Tablett, dessen Mordsgekrach alle aufschauen lässt und für Sekunden den Mund halten, die Muskeln erstarren, der Moment wird zu einer Aufmerksamkeit gebündelt, verpackt und in den Mülleimer geworfen mit den Scherbenresten vom Kehrblech, Fleisch quillt der Frau aus dem Rock, als sie sich bückt, das zu aller Entsetzen Geschehene vom Boden fortzuschaffen, es war nur eine Gehörbelästigung, Einschlag von Satztrümmern ins Ohr, Kasten und Kästchen in allen Farben und Formen treffen unbestellt in meinem Kopf ein, wer will die Päckchen alle haben? wer die vielen Schleifen lösen? alles stapelt sich, die uniformierten Wellen tanzen aufeinander, Menschenpyramiden gleich, hoppe hoppe Reiter, das Mädchen tanzt dem Opa auf dem Schwanz, der rote Wein schmeckt scheußlich, aber um das Essen wegzuspülen ist er gut, Vergessen machen, mit Mineralwasser gelingt das nur frischgebackenen Eltern, dehydrierte alte Augen, heiliges Wasser, auch zur Zubereitung von Säuglingsnahrung geeignet, futuristische Kinderwagen, abgetrennte Gliedmaße, ich habe Angst, Angst, ich muss um mein Leben rennen, immer wieder, rennen rennen, dem eigenen Keuchen entfliehen, raus, fort aus dem eigenen Körper, das hält mich nicht in dieser Zellophanhülle, der Kopf mag in einer Plastiktüte verwahrt sein, der Rest vom Körper ist an frischer Luft, geleckte Haut gibt eine kühle Zeichensprache, in manchen Wasseraugen ist man schon ertrunken, Bettwanzenspuk, Huckepack, Beischlafgenerator, fragen Sie meinen Arzt oder Apotheker, kostet heut alles nur die Hälfte, Ausverkauf, Traumtausch, Oberlippenflaum, kleiner Himmel, großer Himmel, Sabbathexen, Gepäckschläger, ich ertrag die Anzahl der Reiskörner in meinem Mund nicht, jedes Kauen vergrößert die Anzahl der Stücke in der Mundhöhle, unter der Zunge zwischen den Zähnen, schlucken, runterwürgen, runter damit, Zahlen schlucken, viele Zahlen schlucken, große Zahlen schlucken, kotzen, explodieren, ein Feuerwerk der Mathematik! Grundschüler sprengen Sperma, Reiskörner, Samenkörner, erst eins, dann zwei, dann vier, dann acht, dann die sieben und die schöne Ordnung ist dahin, setzen Sie die Reihe logisch fort oder gehen Sie direkt ins Gefängnis, zahlen dürfen Sie beim Pförtner, göttliche Symmetrien, erst eins, dann zwei, dann vier, dann acht, wieso verdoppeln, wenn man auch teilen kann? Alle Existenz beginnt in der mathematischen Teilung, ohne Teilung kein Teil und ohne Teil kein Ding, ohne Ding keine Dinge, ohne Dinge keine Welt, nur der leere, aschfahle Raum, der uns vollkommen unterfordert anstarrt und sich denkt: warum überhaupt bin ich da, wenn kein Ding sich in mir teilen will, sich mit mir teilen will, geteiltes Leid ist doppeltes Leid, denkt sich der alte Raum, immer noch traurig, und verliert seine Traurigkeit, weil die sich nicht halbieren lässt, nicht mit Axt und nicht mit Säge, er klopft solange auf der Traurigkeit herum und hackt, und sticht, aber die Traurigkeit ist unteilbar und verpufft lieber wie der ganze Raum ohne Dinge, denn wo will man mit dem Teilen ansetzen, wenn man nicht mal ein Stück Kreide hat um die Trennlinie zu markieren zwischen Teil 1 und Teil 2, also eher gesagt Teil 1,1 und Teil 1,2, denn im Grunde sind sie ja Teile des einen Ganzen und somit von gleicher Art, daher die 1 vor dem Komma, die die Einheit besagt und die 1 und die 2 hinter dem Komma, die die fundamentale Differenz bezeichnen, die fundamentalste Differenz sogar, denn es gibt keine fundamentalere Differenz als die zwischen eins und zwei, welches nur Namen sind für 0 und 1 oder Alles und Nichts, eine viel kleinere Differenz ist die zwischen zwei und drei, die Differenz zwischen drei und vier ist noch geringer, je größer die Zahlen werden um so kleiner wird die Differenz zu ihrem Nachfolger, am Ende sind die Zahlen einander vollkommen ähnlich, wie alte Ehepaare, die auch nur noch kaum unterscheidbare Ausprägungen ein und des selben in die Länge gezogenen Lebens sind, Warzen im Gesicht einer vor Jahrhunderten examinierten Hexe, Rohrkrepierer, Gallenblasenbruch, Brechsucht, Feuerwasser, Elemente sind geteilte Fundamente, wie Geben und Nehmen, Lieben und Hassen, Schauspielern oder echt Abkratzen, falsches Blut ist oft nicht dick genug, daran erkennt man den Betrug, auch Farbe und Geschmack von Himbeere lässt auf Todes- oder Verletzungsbetrug schließen, daher: Versicherungsprämie vorerst nicht auszahlen! die Sache von einem herkömmlich niedergelassenen und patentierten Arzt untersuchen und wenn es sein muss verunglimpfen lassen! in Großstädten reagiert man ja ganz anders auf große Kotzseen an den Ampeln oder am Gemäuer, wie der Schwall aus dem Mund herausgeschossen ist lässt sich leicht an Art und Ausdehnung der Kotzspritzer erkennen, Damen von Welt haben eine eigene Wissenschaft entwickelt, mit gespitztem Schuh exakt in die Zwischenräume der Kotzspritzer zu treten, und das ohne hinzugucken, Blut spritzt allerdings anders als Kotze, da es, wir berichteten, relativ dickflüssig ist und lange nicht so sauer wie die Alkoholkotze, die es ja meistens ist, denn wer sollte sonst auf den Gehsteig kotzen als einer, der just auf dem Gehsteig aufgrund von Alkohol an Übelkeit erkrankte, jeder andere wäre ja zuhause im Bett geblieben und hätte lieber dort in eine Schüssel gekotzt, denn daheim ist man doch um einiges unbeobachteter und braucht sich nicht so arg zu schämen, und das ist noch ein Beweis: denn wer auf den Gehsteig kotzt, dem ist die Scham sowas von egal, dass er betrunken sein MUSS, um das alles am nächsten Tag vergessen zu haben, es kommt oft vor, dass die Leute am nächsten Tag in ihre eigene Kotzlache treten und über den Verursacher der selben zu schimpfen beginnen, denn Kotzlachenverursacher erinnern sich grundsätzlich nicht an die von ihnen verübte Untat, denn wären sie noch so klar gewesen, sich am nächsten Tag erinnern zu können, hätten sie auch die Kraft besessen nach Hause zu kriechen und dort in eine Schüssel zu kotzen. Dass man kotzen muss liegt zwar, wie man weiß, eigentlich und immer an der Übelkeit, die das Erbrechen unwillentlich herbeiführt, woher diese Übelkeit jedoch rührt wird wenig reflektiert, es hat sich allerdings erwiesen, dass der Grund jeglicher Übelkeit in einem ZUVIEL liegt, zuviel Keime, zuviel Essen, zuviel Promille, und wo ein ZUVIEL ist, sind Zahlen an der Tagesordnung, je mehr Zahlen, desto mehr Viel ist es auch und desto übler wird es dem, der die Zahlen in sich drin hat, meist noch von Dingen ummäntelt, die den Zahlen ihr eigentümliches Gewicht verleihen und sie dadurch noch unverdaulicher machen, auch hat das Erbrechen im allgemeinen die Form einer Zahl, hat man nicht schon Menschen eine 7 kotzen sehen oder eine 423? Warum, so fragt das in der Kloschüssel sich spiegelnde Gesicht, warum muss zahlhaftig heraus, was zahlartig hineinging? Geht es nicht auch völlig ungeordnet? Ja, sagt das Kloschüsselspiegelein an der Wand, wenn du explodierst, dann zerfliegst du in so viele Teile, dass die Anzahl der Teile deines Körpers diejenige Anzahl an Dingen übertrifft, welche du auskotzen wolltest. Auch dein Gehirn wäre dann dermaßen zahlenmäßig zergliedert, dass es die - nun relativ geringere - Anzahl an Herauszuwürgendem nicht mehr zu zählen in der Lage wäre, denn wie können tausend Dinge hundert zählen? Es gäbe einen solchen Streit bei der Aufteilung der Abzähl-Hoheit, dass der Streit länger dauern würde, als Zeit bliebe zum zählen, hundert Menschen können hundert Hühner zählen, das funktioniert ganz einfach, indem jeder der hundert Menschen genau ein Huhn zählt, wollten aber tausend Menschen hundert Hühner zählen, kämen wir leicht auf Zahlen zwischen 100 und 100 000 und in einem Fall würden sich sogar 900 Menschen vollkommen ausgeschlossen fühlen vom Zählbetrieb und wahrscheinlich auf eigene Faust ganz unkontrolliert das Zählen beginnen, daher ist es immer am Besten, wenn jedes Ding sich selber zählt und laut herauskräht, was es gezählt hat, dann muss man nur die Kräher zählen und kommt auf die Gesamtzahl der sich selbst gezählt habenden Dinge. Auf diese Weise spart man sich auch eine Menge Zähler, denn, mal ganz ernst, wer würde schon gerne immer 47 Menschen einladen, die nötig wären, 47 Hühner adäquat abzuzählen, wenn es auch durch das beschriebene Selbstzählverfahren der Hühner gelingen kann? So oder so ähnlich wird das Kloschüsselspieglein sprechen und in prächtigen Konvulsionen werden ihn unverdaut Reiskörner ins Gesicht treffen, eins nach dem andern und alle zusammen, na danke, sagt sich der Spiegel und hält die Klappe, denn seine Ausführungen waren mal wieder nicht gut genug durchdacht, was erwartet man auch von einem Spiegel anderes als hohlen Glanz und das Abbild eines kranken Gesichts in der Frühe, keiner erwartet mathematische Fachkundschaft von einem aalglatten Objekt das noch nicht einmal Abitur hat. Das Schöne am Spiegel aber ist, dass er alles doppelt macht, ohne von einer Sache auch nur das kleinste Bisschen abzuschneiden, geschweige denn irgend etwas als die Freude am bloßen Schein zu teilen. Geht ein Spiegel zu Bruch und also in Teile, so vervielfacht sich der Anblick der Dinge um genau die Anzahl der Spiegelstücke, die am Boden liegen. An diesen kann man sich - Vorsicht! - auch schneiden, so dass Blut aus einem herausfließt bis einem schlecht wird, wenn es zu viel ist.

  

 

 

 

 



SACCHARIN

Halleluja! Lobet den Herrn! Er lässt Menschen auf Stöcken gehen! Halleluja! Er lässt Lichter brennen! Gelobt sei Gott! Er lässt die Lüfte erglühen vor Herrlichkeit! Ehre sei Gott in der Höhe! Er lässt Berge springen und Täler quietschen! Heilig heilig heilig! So viel bunte Farben hat er erdacht, der Herr, auf dass uns die Augen übergehen vor Freude und Lust, so viele herrliche Töne hat er erdacht, der Herr, dass uns die Ohren klingen in Ewigkeit! Und das Geld hat er erfunden, der Herr, dass all das bezahlt werden kann, von seinen Kindern und Schafen, denn die Welt ist nicht umsonst die größte und schönste im ganzen Universum. Und den Schnurrbart hat er dem Manne gegeben, auf dass darin der Bierschaum hängen bleibe, und die Handtasche dem Weibe, damit sie sich jederzeit die Nase putzen kann und die Haare bürsten. Heilig heilig! Die Liebe hat der Herr gemacht, damit Mann und Frau sich gerne in die Augen schauen und dem Herrn für den Anderen danken. Er hat alles gemacht, damit seine Kinder sich freuen und ihm zujubeln vor Glück. Dass alles kaputtgeht, dafür kann der liebe Herrgott nichts, es ist eben nicht alles so gut wie ausgedacht geworden. Aber wie sagt schon der alte Lateiner: ut desint vires, tamen est laudanda voluntas. Den Ohrring hat der Herr dazu erfunden, dass man das Ohr schnell ergreifen kann und daran ziehen, doch leider hat der Mensch den missverstanden und schmückt sich damit, so wie er sich mit allem gerne schmückt, vor allem mit Plastikrosen und Designerbrillen. Wenn alles nur nicht so teuer wäre, stöhnt der Mensch und der Herr sagt zu ihm: aber bitte: es ist alles umsonst, ich habe es euch geschenkt! Aber der Mensch schaut nur ungläubig auf die Preistafeln, allüberall, selbst in der Kirche, wo eine Opferkerze 70 Cent kostet, und sagt: deine Schöpfung wird missbraucht, um Profit daraus zu schlagen! Es ist alles so teuer, und wer gibt uns Geld? Gott schüttelt mit dem Kopf und sagt: ICH habe das Geld nicht erfunden, Das Einzige, was ich nicht erfunden habe ist Geld und Kontenführung. Ich will Menschen sehen, die gemeinsam Gebete murmeln, mich lobpreisen und lieben, ich will sehen Menschen, die mit dem Finger auf die Gotteshäuser weisen und dabei ausrufen: schau, wie schön! Ich will den heiligen Tourismus fördern, aber ohne Benzin, denn Benzin kommt aus der Hölle! Nur der Tourismus aus Menschenkraft ist der wahre und heilige Tourismus, der Mensch soll sich selbst bewegen, alles andere ist des Teufels.

Auf dem Weg zum Bio-Laden Bio-Gedanken. Heißt Bio nicht, dass kein Gift am Essen dran ist? Ist Bio nicht die Bezeichnung eines Mangels? Man kann Bio essen bis man platzt und hat doch eigentlich nichts Gutes gewonnen. Man hat nur ein paar Schadstoffe nicht zu sich genommen, unabhängig davon, wie viel anderes man zu sich genommen hat. Moment, sagt dann einer, natürlich ist in Bio nicht nur kein Schadstoff sondern auch viel mehr Gutstoff als in herkömmlicher Kost drin! Viel mehr Mineralstoffe, viel mehr Vitamine, viel mehr Geschmack. Und die guten Ballaststoffe, damit man auf die Toilette gehen kann!

Ich muss unterscheiden: Bio-Gemüse, da ist, nun ja, vielleicht 7 % mehr Vitamin drin, und natürlich erheblich viel weniger Schadstoffgift, das stimmt vielleicht. Wenn man mal den Bio-Dünger nicht als Schadstoff sieht, der er natürlich auch ist. Aber es ist ein natürlicher Schadstoff und daher bekömmlich.

Bio-Fleisch ist wohl hauptsächlich für das gute Gewissen, dass das Tier ein schönes Leben gehabt hat, ehe es zu Wurst oder Geschnetzeltem wurde, ich esse es dennoch nicht, gesund ist totes Fleisch in keinem Laden, ob bio oder konventionell, schwere Schuld lastet auf dem, der Tiere isst, und es sage mir keiner, dass Schuld nicht auch ein Schadstoff sei, der den Körper belastet, und zwar erheblich.

Bio-Mehle, -Körner, -Brote sind natürlich ganz und gar viel köstlicher und gesünder, als die weichen weißen Pendants, warum eigentlich? Der Körper muss dann Arbeit verrichten, die ihm sonst eine Maschine abnimmt, heraus kommt in beiden Fällen Müll und Energie. Das Eigentliche ist ja hier, dass die Tätigkeit des Müllabspaltens im Innern des Menschen gefördert wird, und das ist ja nun mal gutzuheißen, denn ein Körper, in dem es tätig ist, der verkopft nicht so schnell und kommt nicht auf dumme Gedanken, wie zum Beispiel Hitler, der nur Weißmehl gegessen hat, Mehlspeisen tageintagaus, weil es ihm ja auch an Vitamin mangelte, denn aus Erdöl kann man zwar Margarine machen, aber nicht einen grünen Apfel und so ist die Welt schlecht geworden, weil es zu Zeiten des zweiten Weltkriegs keine gute und gesunde Kost für die Führer gab.

Bio-Saubermachemittel sind natürlich gut für die Haut, weil sie sie nicht chemisch zerstören, sondern natürlich harmonisieren, schließlich hat sich der Mensch seit Jahrtausenden an den Duft bestimmter Blumen und an Pflanzenöle gewöhnt, da hält er das schon mal aus am Körper. Dass man Teller und Wäsche waschen muss ist biologischer Unsinn, kann aber mit ein paar Tricks auch umweltfreundlich begangen werden. Sand täte es vielleicht am Einfachsten, aber die Moderne Hausfrau möchte eine seifige grüne Flüssigkeit, die sie an das Geschirr spritzen und wieder abwaschen kann, und beim Wäsche Schleudern muss es ordentlich schäumen, sonst weiß man ja nicht, wo er hin ist, der ganze Schmutz, den wir so produzieren, natürlich oder künstlich.

Bio ist in jedem Falle gut. Gut für die Welt. Gut für mich, denn es erhält mich gesund, fit und vital, ich tu mir keinerlei Arg. Ich kaufe also Bio um meinen Körper nicht zu schädigen, im Gegenteil: um ihm erdenklich Gutes zukommen zu lassen, reine Himmelsspeise, Kost wie Manna, genau das, auf das mein Körper wartet, nicht zuviel und nicht zuwenig von allem. Und was tu ich mir sonst ständig an? Warum sollte ich gerade beim Essen mir nicht wehtun und mich nicht schädigen?

Aber es geht doch gar nicht um dich! Es geht um die Umwelt, die Welt, die Natur! Die Natur muss weiter groß werden und wachsen und blühen und nicht von Gift und gequälten Kreaturen kaputtgemacht werden! Der gute Kaffee aus dem Biomarkt macht Menschen froh in Ecuador! Die Eier sind Zeugnisse des guten Hühnerlebens! Bio-Tofu sorgt dafür, dass die Felder voll sind mit ursprünglichem, gutem Soja-Gewächs und nicht mit todbringenden Mutanten aus dem Gen-Labor! Öko-Lippenstift macht auf natürliche Weise schön und schenkt dem Mann, der die Lippen hernach küsst, das gute Gefühl, nicht ein durch Rattenschändung getestetes Farb-Fettgemisch am Gaumen zu haben, die Duftstoffe stammen nicht aus der Chemie-Fabrik sondern aus alten Zeiten, es ist Rosenöl darin, das schon die alten Ägypter benutzten, zumindest das Prinzip und die Pflanze, denn die ist geschichtsgetreu wiederhergezüchtet worden von einem Paläo-Botaniker, so einem ähnlichen, wie dem, der diese super-öko-bio-Urgetreide wieder hervorgezüchtet hat aus all dem degenerierten Cerealien-Rassen-Durcheinander, das vom Kelloggs-Konzern hinaus in alle Welt propagiert und verkauft wird. Nein, nichts mehr essen, nichts mehr über Essen wissen, Essen hassen, Naschen hassen müssen, Nashörner, Kraftfutterbunker, Bunkerterrassen, Hass, Überfütterungsmonster, Spasmen, Phantasmen, nie mehr Bio!!!

Nur noch Wasser aus dem Leitungshahn und eine Vitamin-C-Tablette mit Saccharin!, Saccharin mein Heiland, Saccharin, erstes, bestes Kunstprodukt der Zuckernachahmer!, ein Name wie ein Schachweltmeister, das ist das Paradies: Millionen von Engeln sitzen mit gestutzten Flügelchen auf engen Pritschen beieinander, und die kleinen Tropfen Ausscheidung, die sie produzieren, kleben an den gerupften Federkielstummeln, werden gesammelt vom Friedenspersonal und 1 kg Harz wird eingekocht zu 317 Gramm reinem Saccharin, das dann auf der Erde billig unters Volk geschleudert wird, um alle ohne Bio froh zu machen, und keiner weiß etwas von dieser Geschichte, außer dir und mir. Gloria in excelsis Deo!



 

 

 

 




Gebirgstreppen

Gebirgstreppen, Geländer in der Hand, ich fliege bergauf, ein Nichts, weniger als Nichts, eine Leere, die weiß, was sie will, Stratosphäre, Ionosphäre, auf auf, Himmelfahrtsimperativ, verlassen Sie Ihren Körper jetzt, Notausgang, Flucht, man kennt sich nicht mehr, freundlich zurückhaltende Begrüßung, man ist ja fremd, Sonnenaufgang in einer falschen Welt, ich bin Platin, Gold, Titan, die Schädelknochen krachen, brüchige Hülle, Verpackungsmaterial, das man wiederverwenden kann, im Kopf nichts als eine wässrige Suppe mit fader Einlage, schlechtgefundenes Fressen, alles so billig, hat nichts mit mir zu tun, keine Tumulte bei der Müllbeseitigung, alles geschieht geräuschvoll und unbeobachtet, der Müllwagen presst alles ins Massengrab, nimmt die Leichen huckepack und spuckt sie auf der Halde wieder aus, alles kommt da mit allem in Berührung, ein dreckiges Einerlei, hat nichts mit mir zu tun, ich bin erhaben, erhoben, enthoben, ausgehebelt, ausgeklinkt, Titanmond, Goldstern, Platinmeer, einundzwanzig, zweiundzwanzig, die Platte dreht sich, eine einzige Rille, glänzendes Schwarz, schönes Vorbild für eine Bewegung: mit der Nadel irgendwo entlang gleiten, Höhen und Tiefen abtasten, den Bauch voller Glassplitter, Mord oder Selbstmord, eine Trauer ohne Gefühl, man schießt sich selbst aus dem Kopf wie ein parasitäres Gewächs, Hiebe mit dem schweren Messer, schwüle Angst, Schweiß auf der Stirn, kalte Erinnerung, Hände, die fremdartigen Wegweisern folgen, Blicke, in die man hineinfährt wie in dunkle Tunnel, mit dem Fuß auf dem Gaspedal und ohne den Gedanken, irgendwo anzukommen.


Fisch

Du in deinem Heringsrausch! Zwei Kilo Hering vor dem Frühstück, du bist doch völlig plemplem. Die Schwänze schauen dir ja zum Mund heraus, hast du als Kind nicht richtig kauen gelernt? Hat man dir überhaupt irgendwas Vernünftiges beigebracht außer rumhuren und Hering in dich reinstopfen? Gold, Rhein, Ring und Nibelungen, vier Eimer Miesmuscheln in roter Soße mit Brot und Butter hinuntergestürzt ins Säurebad. Heul doch nicht so blöd. Wenn man stirbt fällt der Becher runter, der Fisch auf dem man kaut fällt aus dem Maul hinunter in die alte Flut. Meeresfrüchtewahn. See- und Süßwasserfische, Amsel, Drossel, Fink und Star - alles hat Hahn und Fuß. Dein Arm ist ein toter Fisch, dein Blick ein leergeangeltes Aquarium. Total versalzen. Statt Seele einen Stockfisch in der Brust. Du bist ein Fisch. Du frisst nur noch Fisch. Du stinkst nach Fisch. Ich bin eine Möwe und kreise kreischend über deinem Kopf, du alter Abfallhaufen. Sitzt am Dock, guckst in den Wind. Hörst Nebelhörner tuten. Fischmehlfabriken. Niemand kann das alles fressen. Manchmal gerät eine Meerjungfrau in den Fang und wird zerhäckselt. Das gibt der Charge eine glitzrig blaue Note und manchmal muss man heulen, wenn die Kuh, die das gefressen hat, muht. Das schmerzt wie Messerstich im Ohr, überall liegen Augen herum, silberne Haut und herausfiletierte Gräten. Kleine Münder, die noch nicht einmal Zähne haben, sich in irgendwelche Daumen zu verbeißen. Rachen voll Wasser, Bottiche, Eimer, Becken, Tanks. – Der fliegende Fisch mit einem Paukenschlag aus dem Himmel gefällt, direkt auf den Tisch. Die Dame nimmt entzückt das gebratene Spektakel in Augenschein und sticht ihr Messer in den ausgeweideten, fleischigen Bauch. Das Lätzchen schlabbert breiig an ihrem von Haut übervölkerten Hals. Nur mauvefarbene Brillanten können ihren Ohrlappen zu Ansehen verhelfen. Alles was auf der Gabel ins Mundloch hereinspaziert kostet ein Vermögen – kistenweise Kaviar quält sich durch eine uralte, kaum mehr elastische Speiseröhre, keine Explosion von Fruchtbarkeit erwartet das Geschluckte, wenn der Frühsommerwein auf der Terrasse hinterhergeschüttet wird. Da mögen Bäume, Büsche und Blumen noch so viel Blütenduft als Zündpulver bieten. Zubetonieren alles. Korken drauf und Schluss mit dem Gewinsel. Tanz mit mir, Hahnenfuß, Limonade ist noch genug da. Fisch will schwimmen. 

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Die Geschichte einer zweifelhaften Abstellkammer  oder  Wie ich das letzte Mal die Küste sah

Es war noch gar nicht so spät, nicht so spät wie man meinen sollte dass es gewesen sei, es war auch Sommer, da dauert die Zeit am Tage sehr viel länger. Ich ging in aller Seelenruhe mit meinem Bruder Franz am Meer spazieren, auf dem Sand, also am Strand am Meer auf dem Sand, und wir sprachen kein Wort, es war sehr ruhig, bis auf das Meer, das unablässig sein Wellenrauschen veranstaltete, es störte uns jedoch nicht, vielmehr gab es uns das gute Gefühl, nicht alleine zu sein, so dass wir getrost zuhören konnten.
Franz und ich hatten einander bei den Händen gefasst, er meine linke, ich seine rechte, so unterschiedlich sind die Hälften, wir gingen den für uns gewöhnlichen Spaziergang und es war schön. Die Sonne war im Sinken begriffen, und auch das war uns nicht unangenehm, es verbreitete sich ein allgemeines Gefühl des Wohlwollens.
Wir gingen und kamen zuletzt wie immer bei uns zu Hause an, das ist ein hübsches Häuschen, in dem Mutter kocht und Vater liegt, wenn er nicht schon tot ist. Wir ernteten die letzten Blüten von den Stängeln und betraten die häuslichen Gemächer. Meine Mutter hatte einen giftigen Brei gekocht, und ich weigerte mich, davon zu essen. Meine Mutter ist böse. Sie schlug mich mit der Schneerute, mit derselben mit der sie den Todesbrei bereitet hatte, den sie jetzt Vater und Sohn zu essen gab, ich aß nichts davon, wie gesagt, und man nahm mich und sperrte mich in die Abstellkammer. Erst war es sehr dunkel dort, dann sah ich den Lichtschimmer durch eine Spalte erscheinen und hörte meine Mutter gemein lachen, denn inzwischen waren Vater und Sohn verschieden. Meine Mutter zelebrierte den tödlichen Abwasch, dann warf sie ein brennendes Streichholz durch den Spalt in meine Kammer, das ging aber aus.
Danach goss sie Benzin vor der Kammer aus und entzündete auch dieses mit einem Streichholz, es wurde sehr hell in meiner Kammer und warm, ich hörte meine Mutter sehr laut und sehr lange lachen und es wurde immer heller und immer wärmer bei mir, bis alle Holzbalken sich in Knistern und Prasseln und Funkenflug über mich ergossen und ich verbrennend ohne Probleme aus dem Haus rennen konnte, ich rannte an die Küste, die war schwarz, und so sah ich sie nicht, weil auch ich viel zu hell brannte, ich sah nur mein eigenes brennendes Feuer, es war schön, aber gerne hätte ich noch einmal das Meer gesehen.

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Sofa

Du bist nicht mehr dieselbe, du, sie haben dich ausgetauscht. Das Treppenhaus hast du noch nie gesehen, ein Kind führt dich die Stufen hinauf. Gestern – es war doch gestern, hattest du schon dieses komische Gefühl, als du die Zigarette angezündet hast. Du warst doch immer Nichtraucherin gewesen. Was stecktest du dir diesen Papierstengel in den Mund, wie blöd war es, daran zu saugen, um bitteren Rauch wieder auszuspucken. Auf der Toilette findest du dich zurecht, ein Essen kannst du kochen, auch wenn es der Familie nicht schmeckt. Keiner sagt etwas, keiner will darüber sprechen, sie sind froh, dass sich scheinbar nichts verändert hat, dass du so schnell wieder in den Alltag zurückgefunden hast, nach dieser Sache. Aber es bist nicht du, die sie zurückerwartet hatten, es ist eine andere, eine, mit der man dich jetzt verwechselt. Du staunst das Geschirr an, die Unordnung in den Zimmern, die Bücher, die überall herum liegen, sie scheinen dir interessant, aber du verspürst keinen Drang, sie zu lesen. Dein Blick sieht Dinge, die der andere nie sah, der, der sich hier eingerichtet hatte und zu Hause war. Du findest alles geschmacklos und armselig, im Spiegel siehst du ein trauriges Gesicht, ein Aschenputtel, wo sind deine goldenen Schuhe, wo dein Palast?
Du kannst es dir mit einer Tasse Tee in den Händen gerne auf dem Sofa bequem machen und nachdenken. Da hat die andere auch oft gehockt und gegrübelt. Nein, bleib doch sitzen, es ist dein Sofa. Es gibt ja nur noch dich. Du brauchst keine Angst zu haben, dass es gleich an der Tür klingelt und sie davor steht. Du bist sie. Alle haben dich wiedererkannt. Oder zumindest so getan. Vielleicht haben sie sich auch nicht getraut, genau hinzuschauen. Nein. Es besteht kein Zweifel. Man hat eine Frau weggebracht und dieselbe Frau wieder abgeholt.
Es ist verständlich, dass du irritiert bist, dass du unfähig bist, dich einzufügen. Bleib ruhig auf dem Sofa sitzen und tu nichts, wenn dir nicht danach ist. Sollen sie sehen, dass es ein Fehler war, dich mitzunehmen. Wenn du Glück hast, bringen sie dich bald wieder zurück und tauschen dich u. Wenn nicht, musst du eben noch ein wenig Geduld aufbringen. Es ist nicht zu erwarten, dass der Organismus auf Dauer diesen Fremdkörper beherbergt, am Ende spuckt er dich von alleine wieder aus und bricht zusammen. Aber wohin soll es dann gehen? Wenn nur nicht diese Ungewissheit wäre, was vorher war. Es gibt da das Gefühl von Zusammenhängen, eine flüchtige Bekanntschaft mit Dingen, die dir im täglichen Leben begegnen, Hinweise, die gegen einen bloßen Zufall sprechen. Musst du dir Gedanken darüber machen? Lohnt es sich nachzudenken? Bestenfalls wärst du entsetzt, wenn du die Wahrheit wüsstest, sei froh, dass es bei Ahnungen und Erinnerungsblitzen bleibt, die du nicht einzuordnen weißt. Es ist ganz gut so eingerichtet, dass du nichts verstehst, dass du die Zusammenhänge nicht begreifst. Was ist schon dein diffuses Unbehagen, deine eigentümliche Fremdheit? Sie wird gehen wie sie gekommen ist, weil auch du gehen wirst wie du gekommen bist, unbewusst, flüchtig und als eine Idee, die verstaubt war, noch ehe sie zuende gedacht wurde. Auf deinem Sofa haben schon viele gesessen wie du.